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Ein düsterer Haudegen - Lederlaufkäfer

Leder-Laufkäfer (Carabus coriaceus)So manches ließe sich über den Lederlaufkäfer sagen, nur dass er eine Schönheit sei wohl kaum. Dem menschlichen Ideal von Anmut mag er so recht nicht entsprechen. Wenngleich am menschlichen Maßstab gemessen nicht wirklich groß, kommt der grobschlächtige Kerl heiklen Gemütern doch etwas zu gewaltig daher. Unter Käfern gilt er hierzulande als Riese, der mit bald vierzig Millimetern Länge von der Maxillenspitze bis zum Abdomenende von kaum einer Handvoll Arten übertroffen wird. Zwischen der kahlköpfig glänzenden Stirn und den mordsmäßigen Mandibeln glotzen Glubschaugen gleichgültig wie aus einem fratzenhaften Totenschädel. Ebenso lässt die unedle Anmutung der pockennarbig verbeulten Panzerrüstung, in die der düstere Haudegen seinen nachtschwarzen Leib hüllt, kaum auf freundliche Gesinnung schließen.

Nun sollte man nicht unbedingt von der äußeren Erscheinung aufs innere Wesen folgern. Doch kleinere Tiere bis zum Kaliber einer Schnecke liegen durchaus richtig, bei seinem Anblick eiligstmöglich die Flucht zu ergreifen. Denn in der Nacht führt der zwielichte Geselle einen finsteren Lebenswandel.

Lebensweise

Leder-Laufkäfer (Carabus coriaceus)Er ist nicht eben farbenfroh. Sein tristes Schwarz wird lediglich von orangebraunen Borsten an den mittleren Beinschienen und einem gelblichen Streifen in seinem "Nacken" - Käfer haben keinen Hals - unterbrochen. Doch unauffällig ist Lederlaufkäfer aufgrund seiner Größe nicht gerade. Daher verbringt er die Tage zumeist regungslos verborgen unter Moos, Gestrüpp oder Steinen. Erst in der Nacht geht er seinem mörderischen Geschäft nach. Im tiefschwarzen Tarnkleid nahezu unsichtbar jagd er Insekten, Schnecken und Regenwürmer. Seine Beute erwartet ein gräßlicher Tod. Der Käfer beträufelt sein zwischen den kräftigen Kiefern gefangenes Opfer mit einem enzymhaltigen Verdauungssaft, der das lebende Gewebe zu Brei auflöst. Die nahrhafte Soße schlürft der Raubkäfer dann ein. Die Biologen bezeichnen diese Art der Nahrungsaufnahme, die bei den Webspinnen auf ähnliche Weise erfolgt, als Extraintestinale Verdauung. Findet der Käfer auf seinen nächtlichen Streifzügen einmal kein geeignetes Opfer, ist er sich auch nicht zu fein, mit Aas oder schlichtem Obst vorlieb zu nehmen.

Eigene Feinde hat der Kraftprotz kaum. Die meisten räuberischen Gliederfüßer übertrifft er beiweitem an Größe und Gewicht. Doch auch gegen carnivore Wirbeltiere ist er gewappnet. Wird er bedroht, zeigt sich der Lederlaufkäfer als ganz übler Stinker, wenn er aus seinen Afterdrüsen unangenehme Abortaromen verspritzt. Zumeist lässt der Angreifer dann von seinem offenkundig ungenießbar eklen Fang ab.

Verwandschaft

Leder-Laufkäfer (Carabus coriaceus)Die Systematiker ordnen Carabus coriaceus der artenreichen Laufkäferfamile zu, die in Mitteleuropa mit 750 Arten aus 85 Gattungen vertreten ist. Weltweit kennt man derzeit sogar über 40.000 Spezies.
Das verbindende Merkmal aller Carabiden ist der fünfgliedriger "Fuß" - die entomologischen Fachleuten sprechen vom Tarsus - in dem die sechs kräftigen Laufbeine enden. Typischerweise sind die zwischen Komplexaugen und Kiefern entspringenden Fühlerantennen aus elf Segmenten zusammengesetzt.

Schutz

Leder-Laufkäfer (Carabus coriaceus)In Deutschland ist der Lederlaufkäfer selten geworden. Die Gründe für sein Verschwinden sind unschwer nachzuvollziehen. Sein deutscher Name lässt es schon vermuten: Der größte der heimischen Laufkäfer ist wie die meisten Carabiden flugunfähig. Seine vorderen Flügeldecken sind miteinander verwachsen, sodass sie nicht geöffnet werden können, die nutzlosen Hinterflügel verkümmert. Unter natürlichen Umständen stellt ihre Fluguntüchtigkeit für die Insekten keineswegs eine Belastung dar, sondern ist lediglich eine Anpassungserscheinung an ihren bodennahem Lebensraum. Erst in der vom Menschen massiv veränderten Umwelt wird diese Lebensweise für die Laufkäfer zum neuartigen Problem, das viele Spezies in ihrem Bestand gefährdet. Typischerwise sind die Arten auf jeweils ganz bestimmte Lebensraumverhältnisse angewiesen, ohne die sie kaum überleben, geschweige denn sich fortpflanzen können. Ihre in vormoderner Zeit noch weiträumig zusammenhängenden Verbreitungsräume sind heutzutage stark geschrumpft und durch Landwirtschaft, Straßen und Bebauung in teils weit auseinander liegende, oft armselig winzige Rückzugsgebiete zersplittert.

Für einen Fußgänger mit nur zehn Millimetern Schrittlänge aber liegt bereits ein nur wenige hundert Meter entferntes Ziel in oft unerreichbarer Ferne. Unüberwindliche Gebäudegebirge sind zu umgehen und nahrungsleere Ackerwüsten zu passieren. Er muss gewaltige Straßenströme kreuzen, gequert mit hundertfacher Geschwindigkeit von todbringenden stählernen Monstern, die millionenmal schwerer sind als er selbst. Und abseits aller Gefahren weiß der Emigrant nicht einmal, in welcher Himmelsrichtung er das Ziel seiner Reise suchen soll.

So ist es den Käfern praktisch unmöglich, von der einen Habitatoase in die andere zu wechseln. Aussicht auf Immigranten aus einer entfernten Reservation besteht bei den wenig mobilen Krabblern kaum. Doch ohne den natürlichen Austausch sind die oft individuenarmen Inselpopulationen stetig vom Untergang bedroht. Schon eine einmalige und vorübergehende aber drastische Änderung der Umweltbedingungen - eine Überschwemmung, ein klirrend kalter Winter, ein beutearmer Sommer - führt dann nicht unwahrscheinlich zum vollständigen und kaum wiederbringlichen Verschwinden.

Dementsprechend werden viele Laufkäferarten auf der Roten Liste geführt und sind gemäß Bundesartenschutzverordnung auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland streng geschützt. Das hat zurecht auch für uns Menschen seinen Zweck, denn als gefräßiger Schädlingsvertilger ist uns der Lederlaufkäfer durchaus vonnutzen.

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Kommentare

  • 1. Kein Titel

    Peter schrieb am Montag, den 18. Oktober 2010 um 19:22 Uhr

    >Doch kleine Tiere bis zum Kaliber einer Schnecke liegen durchaus richtig, bei seinem Anblick eiligst die Flucht zu ergreifen.
    Wobei sich eine Schnecke da schwer tun dürfte..

  • 2. Größe bis zu 4 cm?

    Andreas schrieb am Donnerstag, den 06. August 2015 um 23:41 Uhr

    Habe vor 10 Minuten einen fotografiert. Seine Länge, Rumpf und Kopf, ohne Fühler/Antennen, ca. 5 cm plus x? Auf keinen Fall weniger als 5cm!

  • 3. Kein Titel

    Silke schrieb am Sonntag, den 27. September 2015 um 23:36 Uhr

    Ich hatte diesen Käfer heute auf der Hand zu laufen - ein wunderschönes, edles Tier - der größte einheimische Laufkäfer. Ein sehr edles Tier. Nenenbei gesagt, der käfer ist streng geschützt.

    Seid Ihr noch bei Sinnen eine solche Schmähschrift gegen dieses schöne Tier zu schreiben? Ich bin schockiert.

    Schönen Gruß,
    Silke

  • 4. Das sollte man doch nicht glauben

    Danilo Matzke schrieb am Sonntag, den 27. März 2016 um 22:29 Uhr

    Ja diese Käfer Art kommt bei uns im Leipziger Auwald recht häufig vor. Und nicht nur Schnecken müssen die Flucht ergreifen sondern sogar auch kleine Wirbeltiere, wie z. B. eine Zauneidechse.
    Als „junger Entomologe“ hatte ich mal in ein Terrarium 4-5 Lederlaufkäfer zusammen mit einer Zauneidechse übernachten lassen in der Hoffnung, dass sie der Zauneidechse nichts tun.
    Wollte die Eidechse eigentlich am nächsten Tag umsetzten und dachte ein Reptil wird doch locker mit ein paar Käfern fertig. Haste gedacht, als ich am nächsten Morgen in das Terrarium schaute staunte ich nicht schlecht. Die Käfer haben eine „Fressgemeinschaft“ gebildet und gemeinsam das Tier im wahrsten Sinne des Wortes zerlegt.

  • 5. STINKER

    seamonster schrieb am Samstag, den 09. September 2017 um 13:05 Uhr

    ich habe gerade so ein Exemplar (4cm) unter unserer Kellertreppe gefunden. ahnte nichts böses und hab ihn halt mit nach oben genommen und plötzlich stinkt es tierisch, mein Hund hat die flucht ergriffen und ich wurde auch noch gebissen XD

 

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